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Diese Seite drucken ...diffuse Belastungen

Die Richtlinie 2000/60/EG – die Wasserrahmenrichtlinie – fordert in Anhang II Nummer 2.1, in der Bestandsaufnahme die Belastungen zu ermitteln, denen das Grundwasser ausgesetzt ist. Zu den zu betrachtenden Belastungen zählen neben punktuellen Schadstoffquellen (siehe das Kapitel „punktuelle Grundwasserbelastungen“) und mengenmäßigen Belastungen (siehe das Kapitel „mengenmäßige Grundwasserbelastungen“) die auf das Grundwasser einwirkenden diffusen Belastungen.

 

Dem Problem der diffusen Belastungen kann man sich von zwei Seiten nähern: von der Emissionsseite oder von der Immissionsseite. Bei der emissionsseitigen Betrachtung steht man vor der Schwierigkeit, dass man zwar annähernd einschätzen kann, was als diffuse Emissionen aus den verschiedenen Quellen auf die Erdoberfläche aufgebracht wird, sich aber nicht ohne weiteres ermitteln lässt, was davon im Grundwasser anlangt. Denn zwischen Erdoberfläche und Grundwasserspiegel erstrecken sich mehr oder minder mächtige und komplexe Bodenschichten, die je nach Eigenschaften den Transport emittierter Stoffe in das Grundwasser stark verzögern oder sogar nahezu unmöglich machen oder Stoffe durch chemische und, gerade in oberen belebten Bodenschichten, durch biologische Vorgänge bis zu einem gewissen Grade binden oder abbauen können.

 

Bei der Immissionsbetrachtung hingegen stellt sich das Problem, dass man an der im Grundwasser festgestellten Stoffimmission unmittelbar nicht ablesen kann, ob sie von einer diffusen oder einer punktuellen Quelle herrührt. Hier bedarf es einer weiteren Betrachtung, die in der Regel darauf hinausläuft, dass man wesentlich seltenere und leicht lokalisierbare punktuelle Belastungsquellen mit einiger Wahrscheinlichkeit als Ursachen festgestellter Immissionen auszuschließen sucht, so dass letztlich nur diffuse Quellen als Ursachen der Immission in Frage kommen können. Dabei ist aber stets zu berücksichtigen, dass erhöhte Stoffkonzentrationen im Grundwasser durchaus nicht immer auf den Menschen zurückgehen müssen, sondern von Natur aus – als geogener Hintergrund – vorkommen können.

 

In Mecklenburg-Vorpommern beschreitet die Wasserwirtschaftsverwaltung in der Bestandsaufnahme ansatzweise beide Wege: Einerseits werden Emissionen, wie sie sich aus der in Mecklenburg-Vorpommern vorherrschenden Landnutzung ergeben, erfasst, andererseits werden die Stoffimmissionen im Grundwasser an Hand konkreter Messwerte bestimmt. Im Vergleich der Ergebnisse beider Wege lassen sich die jeweils beschriebenen Probleme deutlich machen.

 

Die in Mecklenburg-Vorpommern vorherrschende Landnutzung ist die landwirtschaftliche: 56 % der Landesfläche nimmt Acker-, 15 % Grünland ein, nur über 21 % erstreckt sich Wald; der Rest sind Siedlungs-, Verkehrs- und Wasserflächen. Die Wasserwirtschaftsverwaltung konzentriert in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaftsverwaltung die Betrachtung diffuser Belastungen daher auf Stoffe, die herkömmlicherweise von der Landwirtschaft emittiert werden: allen voran Stickstoff sowie Kalium, Sulfat und Chlorid. Zur Erfassung von Emissionen errechnet die Landwirtschaftsverwaltung beispielhaft vereinfachte Stickstoffbilanzen der landwirtschaftlich genutzten Flächen des Landes; auf die Emissionsbilanz weiterer Stoffe wird vorläufig verzichtet. Zur Erfassung der Immissionen leitet die Wasserwirtschaftsverwaltung aus vorliegenden Beschaffenheitsdaten regionalisierte Grundwasserbelastungen her. Die Regionalisierung wird für die fünf Parameter Nitrat, Ammonium, Kalium, Sulfat und Chlorid durchgeführt.

 
Zur Berechnung vereinfachter Stickstoffbilanzen für die Flächen der Gemeinden zieht die Landwirtschaftsverwaltung folgende Datenbestände heran:
  • landwirtschaftliche Bodennutzung des Jahres 2003 auf Betriebsebene
  • Viehzählung des Jahres 2001 auf Gemeindeebene
  • Erntestatistik 1999 bis 2003
  • Daten zu natürlichen Standorteinheiten der Gemeinden
  • beispielhafte Betriebsauswertungen und Maßgaben der Düngungsbroschüre des Landwirtschaftsministeriums.

 

Eine Stickstoff-Flächenbilanz ist die Differenz aus Stickstoffzufuhr und Stickstoffabfuhr auf einer Fläche, hier der landwirtschaftlichen Fläche. Für die Zufuhr können die Mineraldünger- und Wirtschaftsdüngermengen sowie die legume Stickstoffbindung angesetzt werden, für die Abfuhr die gesamten Mengen an pflanzlichen Ernteprodukten. Damit ergibt sich eine vereinfachte Flächenbilanz, da die atmosphärische Deposition vernachlässigt wird.

 

Die landwirtschaftliche Bodennutzung wird auf Betriebsebene erhoben. Für die Flächenbilanz werden die landwirtschaftlich genutzten Flächen der Betriebe den Gemeinden zugeordnet und die Flächen in den jeweiligen Gemeinden aufsummiert. Damit sind die Größe der landwirtschaftlichen Flächen und das Kulturartenspektrum in den einzelnen Gemeinden bekannt.

 

Die den landwirtschaftlichen Flächen zugeführten Mineraldüngermengen ergeben sich aus der Höhe der Düngung der verschiedenen Kulturen und der Fläche der angebauten Kulturen in einer Gemeinde; die Höhe der Düngung wird der Betriebszweigauswertung entnommen bzw. stammt aus Schätzungen. Die zugeführten Wirtschaftsdüngermengen werden aus den Viehbeständen der jeweiligen Gemeinde – wobei die Tierbestände zuvor auf die Flächen der Betriebe und damit auf die Gemeinden neu verteilt und zusammengefasst werden – und den durchschnittlichen Nährstoffausscheidungen landwirtschaftlicher Nutztiere gemäß Düngungsbroschüre errechnet. Die legume Stickstoffbindung ermittelt sich aus der jeweiligen Anbaufläche von Leguminosen und von Grünland in der Gemeinde sowie den Werten der symbiotischen Stickstoffbindung von Leguminosen nach Düngungsbroschüre.

 

Aus der Auswertung der landwirtschaftlichen Bodennutzung ergibt sich, dass in Mecklenburg-Vorpommern etwa 100 verschiedene pflanzliche Kulturen angebaut werden. Mit der zur Verfügung stehenden Erntestatistik auf Kreisebene bzw. mit Schätzungen und den natürlichen Standorteinheiten werden die Erträge der verschiedenen Kulturen bestimmt. In Verbindung mit den Nährstoffgehalten in der Pflanzenfrischmasse gemäß Düngungsbroschüre wird der Stickstoffentzug für die landwirtschaftliche Fläche jeder Gemeinde errechnet.

 

Mit den Angaben der Stickstoffzufuhr und -abfuhr können dann die Stickstoffbilanzen der landwirtschaftlichen Flächen der 1.116 Gemeinden Mecklenburg-Vorpommerns (Stand 2003) ermittelt werden. Abschließend werden die Stickstoffbilanzen rechnerisch von der landwirtschaftlich genutzten Fläche auf die gesamte Gemeindefläche umgelegt. Die folgende Karte stellt die landwirtschaftlichen Stickstoffüberschüsse bezogen auf die Gemeindefläche ohne atmosphärische Deposition dar.

 

Erfassung der Emissionen

Stickstoffüberschüsse aus der Landwirtschaft
1999/2003 (bezogen auf die Gemeindefläche,
ohne Anteile atmosphärischer Deposition)

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(pdf, 304kb)

 

 
Das Landesmessnetz, mit dem die Wasserwirtschaftsverwaltung in Mecklenburg-Vorpommern die Grundwasserbeschaffenheit beobachtet, gestattet allein keine rechnerische Regionalisierung der Grundwasserimmissionen. Es umfasst 160 Messstellen bei einer Landesfläche von rund 23.000 km²; dies entspricht einer Dichte von einer Messstelle auf etwa 140 km². Für die Regionalisierung werden daher weitere Datenbestände zusammengetragen und digital aufbereitet. Es sind dies vor allem
  • Beschaffenheitsdaten der Wasserversorgungsunternehmen
  • Beschaffenheitsdaten aus der Lagerstättenüberwachung
  • Beschaffenheitsdaten zu dezentralen Eigenwasserversorgungsanlagen.

Außer diesen aktuellen Daten zieht die Wasserwirtschaftsverwaltung zur Regionalisierung ferner ältere, jedoch digitalisiert vorliegende Datenbestände heran, so

  • Archivdaten der Bezirkshygieneinstitute der DDR zur Rohwasserüberwachung
  • Archivdaten aus hydrogeologischen Erkundungsarbeiten vor 1990 (HYRA).

 

Mit der Regionalisierung soll die Belastung des oberen großräumig zusammenhängenden Grundwasserleiters eingeschätzt werden. „Oberer großräumig zusammenhängender Grundwasserleiter“ ist ein Modellbegriff, der den oberen Grundwasserleiter flächendeckend in ganz Mecklenburg-Vorpommern umfasst, ohne im Einzelnen auf die regional komplexen hydrogeologischen Lagerungsbedingungen einzugehen. Unter den Begriff fällt der oberste Grundwasserleiter in Bereichen ohne Grundwasserüberdeckung und in Gebieten mit bindiger oder sickerwasserhemmender Grundwasserüberdeckung der erste Grundwasserleiter unter einer solchen Deckschicht.

 

Die Konzentration der Untersuchung auf den oberen großräumig zusammenhängenden Grundwasserleiter ist sinnvoll, weil dieser Grundwasserleiter mit Blick auf die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie der entscheidende ist; denn die Wasserrahmenrichtlinie will die verschiedenen Gewässer nicht jeweils für sich betrachtet sehen, sondern in ihrem natürlichen Zusammenhang. So speisen sich vornehmlich aus dem oberen Grundwasserleiter Fließ- und Standgewässer, und auch die sogenannten grundwasserabhängigen Landökosysteme sind abhängig von dem oberen Grundwasserleiter. Belastungen des oberen Grundwasserleiters können folglich nicht allein ihn selbst beeinträchtigen, sondern auch Fließ- und Standgewässer und Landökosysteme. Darüber hinaus ist der obere großräumig zusammenhängende Grundwasserleiter derjenige Grundwasserleiter, den zuerst Belastungen, die von der Erdoberfläche ausgehen, betreffen und der somit als Indikator für mögliche Beeinträchtigungen auch tieferer Grundwasserleiter dienen kann.

 

Für die Regionalisierung stehen Datenbestände von 6.298 Messstellen zur Verfügung, die den oberen großräumig zusammenhängenden Grundwasserleiter repräsentieren und sich recht gleichmäßig über die Landesfläche verteilen. Die Messstellendichte beträgt etwa eine Messstelle auf 3,65 km². Um die Regionalisierung an der Landesgrenze nicht abrupt abbrechen zu lassen, werden die mecklenburg-vorpommerschen Daten mit rund 300 Messstellen aus den angrenzenden Gebieten in Brandenburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein ergänzt. Für die 6.298 betrachteten mecklenburg-vorpommerschen Messstellen liegen rund 12.200 Messwerte zu Nitrat, 11.000 Messwerte zu Ammonium, 5.700 Messwerte zu Kalium, 10.800 Messwerte zu Sulfat und 11.700 Messwerte zu Chlorid vor.

 

Zweck einer Regionalisierung ist, aus einer Punktinformation, wie sie Messwerte an einer Messstelle darstellen, eine Flächeninformation abzuleiten, also Angaben zur flächenhaften Verteilung von Parametern zu erhalten. Dazu interpoliert man mit mathematischen Modellen zwischen den Messstellen. Die hergeleiteten Flächeninformationen der Regionalisierung geben insofern keine tatsächlich gemessenen, sondern geschätzte Grundwasserbeschaffenheiten wieder.

 

Die für die Regionalisierung gewählten Parameter Nitrat, Ammonium, Kalium, Sulfat und Chlorid können eine diffuse Belastung aus der Landwirtschaft anzeigen, doch können sie ebenso auf andere anthropogene Belastungen, aber auch auf Konzentrationserhöhungen geogenen Ursprunges hindeuten. Gerade die natürliche Versalzung oberflächennah anstehenden Grundwassers ist in Mecklenburg-Vorpommern nicht selten. Daher werden für die Interpretation der berechneten Flächendaten Kenntnisse zur Verbreitung geogen erhöhter Konzentrationen berücksichtigt. Im Folgenden seien beispielhaft die Regionalisierungsergebnisse für die Parameter Nitrat und Ammonium dargestellt.

 

Regionalisierte Nitratgehalte des oberen
großräumig zusammenhängenden Grund-
wasserleiters in Mecklenburg-Vorpommern

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(pdf, 5Mb)

 

Die abgebildete Karte gibt die regionalisierten Nitratgehalte des oberen großräumig zusammenhängenden Grundwasserleiters wieder. In den extensiv genutzten Landesteilen wie der Rostocker Heide im Norden, der Ueckermünder Heide im Osten des Landes und in weiten Teilen der Wald- und Seenlandschaft der Mecklenburger Seenplatte liegen die Nitratwerte fast immer in niedrigen Bereichen. In dem großen Gebiet der Sude und Elde im Südwesten, der Gegend um Demmin im mittleren Nordosten des Landes oder im Gebiet der mittleren Warnow finden sich erhöhte Gehalte, die auf diffusen Stoffeintrag durch Bewirtschaftung weisen. Dagegen bewegen sich die Nitratwerte am landwirtschaftlich intensiv genutzten Klützer Winkel im Nordwesten wiederum in niedrigeren Bereichen.

 

Insgesamt sind die Gebiete auffallend erhöhter Nitratgehalte stark zersplittert; es treten in der Regel nur regionale Häufungen kleinerer Belastungsgebiete auf. In 10 % des oberen großräumig zusammenhängenden Grundwasserleiters betragen die Gehalte weniger als 1,5 mg NO3/l und in ebenso 10 % mehr als 16 mg NO3/l, in 50 % des Grundwasserleiters übersteigen sie 5 mg NO3/l. Der geogene Hintergrund ist in neubildungsgeprägten Grundwasserleitern mit maximal 8 mg NO3/l anzusetzen, in bedeckten Grundwasserleitern können die natürlichen Gehalte weniger als die Nachweisgrenze von 0,5 mg NO3/l betragen. Nach dem Regionalisierungsergebnis belaufen sich die Nitratgehalte in 30 % des oberen großräumig zusammenhängenden Grundwasserleiters auf mehr als 8 mg NO3/l, und gerade in den Bereichen, die bindige Deckschichten schützen, kommen kaum Gehalte von weniger als 3 bis 3,5 mg NO3/l vor. Dies ist ein deutlicher Hinweis auf eine ubiquitäre anthropogene Überprägung der natürlichen Verhältnisse. Die Überprägung dürfte weitgehend auf landwirtschaftliche Nutzung zurückgehen.

 

Wie das Regionalisierungsergebnis gemessen an den Anforderungen der Wasserrahmenrichtlinie ausfällt, zeigt die folgende Karte. Die bisher einzige verbindliche Umweltqualitätsnorm, die den guten chemischen Zustand beschreibt, ist der Nitratgrenzwert von 50 mg NO3/l aus der Nitratrichtlinie, den die Wasserrahmenrichtlinie sich zu Eigen macht. Die Bereiche, in denen die Nitratgehalte diesen Wert überschreiten, machen in Mecklenburg-Vorpommern 1,6 % des oberen großräumig zusammenhängenden Grundwasserleiters aus. Nach dem Durchschnittswertgrundsatz der Wasserrahmenrichtlinie dürfte damit der Grundwasserleiter gegenwärtig auch regional kaum Gefahr laufen, die Nitratqualitätsnorm nicht einzuhalten.

 

Regionalisierte Nitratgehalte des oberen
großräumig zusammenhängenden Grund-
wasserleiters in Mecklenburg-Vorpommern
(bezogen auf den Grenzwert der Nitratrichtlinie)

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(pdf, 4,7Mb)

 

Im Gegensatz zu Nitrat stellt sich bei Ammonium in dem Regionalisierungsergebnis nach der folgenden Karte eine deutliche Konzentration von Gebieten erhöhter Gehalte dar. Vor allem im Gebiet der mittleren Sude im Südwesten sowie in der Rostocker Heide finden sich stark erhöhte Ammoniumgehalte. Im Süden des Landes liegen die Konzentrationen dagegen niedrig. Auch fast der gesamte Bereich der Insel Rügen zeigt niedrige Werte. Die berechneten Gehalte lassen deutliche Bezüge zu den Lagerungspositionen erkennen: Im Bereich der Sander mit gröberen Kornfraktionen sind die Ammoniumwerte oft niedrig, während die feinkörnigeren Grundwasserleiter oder Beckenbildungen wie der Rostocker Heide in der Tendenz höhere Gehalte aufweisen.

 

Regionalisierte Ammoniumgehalte des oberen
großräumig zusammenhängenden Grund-
wasserleiters in Mecklenburg-Vorpommern

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(pdf, 5Mb)

 

Die natürlichen Hintergrundwerte von Ammonium liegen in neubildungsgeprägtem Grundwasser bei 0,6 mg NH4/l, der Indikatorwert der Trinkwasserverordnung bei 0,5 mg NH4/l. Dies zeigt, dass Ammonium in Lockergesteinsgrundwasserleitern recht beständig und verbreitet ist. Nach dem Regionalisierungsergebnis machen die Bereiche mit Gehalten von mehr als 0,5 mg NH4/l 12 % des oberen großräumig zusammenhängenden Grundwasserleiters aus. Abgesehen von dem Belastungsgebiet an der Sude können erst weitere Untersuchungen zeigen, ob diese erhöhten Werte auf landwirtschaftliche Tätigkeit zurückzuführen sind oder den natürlichen Verhältnissen entsprechen.

 

Erfassung der Immissionen
Die ermittelten Stickstoffüberschüsse der Jahre 1999/2003 den regionalisierten Stickstoffimmissionen gegenüberzustellen ist problematisch: Mit dem Sickerwasser eingetragener Stickstoff bedarf für seine Passage von Geländeoberkante zu Grundwasseroberfläche je nach anstehendem Boden Jahre bis Jahrzehnte. Die Immissionswerte der Regionalisierung spiegeln somit teilweise Belastungen wider, die in den 70er bis 90er Jahren emittiert worden sein dürften. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass im Nitrat gebundener Stickstoff bei der Bodenpassage durch biologische Umsetzung in die Atmosphäre freigesetzt und somit ein Stickstoffüberschuss abgebaut werden kann. Der Umfang dieser Denitrifikation hängt von den Bodenverhältnissen ab.

 

Grundsätzlich lässt sich aus einer Gegenüberstellung ableiten, dass es in Mecklenburg-Vorpommern eine gewisse Korrespondenz von Gebieten heutiger vergleichsweise niedriger Stickstoffüberschüsse und Gebieten vergleichsweise niedriger Stickstoffimmissionen gibt. Für alle sonstigen Kombinationen – Gebiete mittlerer oder hoher Emission und Immission – lässt sich ohne Betrachtung weiterer Faktoren kein statistischer Zusammenhang ausmachen.

 

Flächen der 20 % höchsten landwirtschaftlichen
Stickstoffemissionen und der 20 % höchsten
Stickstoffgehalte des oberen großräumig
zusammenhängenden Grundwasserleiters
in Mecklenburg-Vorpommern

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Dies illustriert die vorstehende Karte exemplarisch für die Gebiete mit den 20 % höchsten Stickstoffemissionswerten und den 20 % höchsten Stickstoffimmissionswerten. Als Immissionswerte sind die Parameter Nitrat und Ammonium nach ihren Stickstoffanteilen umgerechnet und zusammengefasst worden. Lediglich an einigen Gebieten im Südwesten Mecklenburgs lassen sich Beziehungen zwischen hoher Emission und hoher Immission vermuten, insbesondere wenn man die relativ geringe Auflösung der Emissionsdaten und Effekte der Verdriftung im Grundwasser berücksichtigt. In diesem Teil des Landes steht überwiegend unbedecktes und oberflächennahes Grundwasser an, und die Zeitspanne zwischen Emission und sich im Grundwasser zeigender Immission ist nicht so groß wie in anderen Teilen des Landes. Dagegen finden sich vor allem im Klützer Winkel – der Kornkammer Mecklenburg-Vorpommerns – im äußersten Südwesten des Landes sowie längs der historischen Grenze zwischen Mecklenburg und Vorpommern zahlreiche Gebiete erhöhter Emission, denen keine Gebiete erhöhter Immission korrespondieren. Diese Gebiete fallen in Bereiche, in denen mächtige Geschiebemergelschichten den oberen großräumig zusammenhängenden Grundwasserleiter abdecken und bisher offenkundig vor Stickstoffeinträgen weitgehend geschützt haben.

 

Als Ursachen der Nichtkorrespondenz von Emission und Immission sind jedoch nicht nur die Bodeneigenschaften zu betrachten, sondern auch der landwirtschaftliche Umbruch nach 1990 wie zum Beispiel der erhebliche Rückgang der Tierproduktion in Mecklenburg-Vorpommern und der zugenommene Anbau stickstoffintensiver Kulturen auf mittleren und leichten Böden. Letzteres könnte teilweise Gebiete heutiger erhöhter Emission, denen keine Gebiete erhöhter Immission korrespondieren, erklären, ersteres Gebiete erhöhter Immission, denen keine Gebiete erhöhter Emission korrespondieren. Tatsächlich dürfte sich der im Allgemeinen angenommene drastische Rückgang der Stickstoffüberschüsse in den neuen Bundesländern nach 1990 nicht auf ein verringertes Aufkommen an Mineraldünger, sondern auf ein erheblich verringertes Aufkommen an Wirtschaftsdünger zurückführen. Wirtschaftsdünger aber wurde vor 1990, um Fuhrkosten zu sparen, bevorzugt in der Nähe der Stallanlagen ausgebracht. Eine erste Untersuchung für den Altkreis Güstrow zeigt, dass sich in der Tat eine Reihe von Stallanlagenstandorten in Gebieten wiederfinden, in denen einer erhöhten Immission keine heutige erhöhte Emission entspricht.
 

Vergleich von Stickstoffemission und -immission
Wie bei den diffusen Belastungen der Fließgewässer soll abschließend ein Vergleich diffuser Belastungen des Grundwassers aus der Landwirtschaft und aus dezentraler Abwasserbeseitigung angestellt werden. Bei dezentraler Abwasserbeseitigung mit Kleinkläranlagen gelangt das behandelte Abwasser vielfach in den Untergrund und kann in gewissem Ausmaße somit eine Belastung des Grundwassers darstellen. Im Kapitel „diffuse Fließgewässerbelastungen“ ist der maximal annehmbare Stickstoffeintrag aus Kleinkläranlagen in die Umwelt mit rund 50 kg N/(km²·a) überschlagen, dies entspricht 0,5 kg N/(ha·a). Aus der oben aufgeführten Stickstoffbilanz 1999/2003 ergibt sich für Mecklenburg-Vorpommern im Mittel ein landwirtschaftlicher Stickstoffüberschuss von 40 kg N/(ha·a). Bei dem Vergleich der Zahlen ist allerdings zu bedenken: Der Stickstoff im Abwasser des in Mecklenburg-Vorpommern gegenwärtig am verbreitetsten Typs von Kleinkläranlagen ist in der Regel nicht nitrifiziert; nach Behandlung wird das Abwasser der Kleinkläranlagen in einen Untergrund eingeleitet, in dem man womöglich noch nitrifizierende, weniger jedoch denitrifizierende Vorgänge mehr voraussetzen kann. Der Stickstoffüberschuss der Landwirtschaft ist hingegen auf die Erdoberfläche gerechnet; wird der Stickstoff in den Untergrund eingewaschen, gelangt er zunächst in belebte Bodenschichten, in denen ein Abbau des dann überwiegend als Nitrat vorliegenden Stickstoffes durch Denitrifikation möglich ist. Der landwirtschaftliche Stickstoffüberschuss lässt sich folglich nicht mit einer konkreten Grundwasserbelastung gleichsetzen. Nach Literaturangaben kann die Denitrifikation in der belebten Bodenschicht je nach Boden 10 bis 60 kg N/(ha·a) betragen. Vielfach rechnet man durchschnittlich mit einer Denitrifikation in der Größenordnung von 20 kg N/(ha·a). Selbst wenn man für den Stickstoffeintrag aus Kleinkläranlagen keine weitere Stickstoffelimination im Untergrund ansetzt, für den Stickstoffüberschuss aus der Landwirtschaft hingegen die genannte mittlere Denitrifikationsrate, unterscheiden sich die auf das Grundwasser ausgehenden auf die Fläche gerechneten Belastungen um den Faktor 40. Auch mit Blick auf das Grundwasser erweist sich somit die dezentrale Abwasserbeseitigung im Ganzen gesehen als eine gegenüber der Landwirtschaft nachrangige Belastungsquelle.

 

Die vorstehenden Ausführungen zu Stickstoffemissionen und -immissionen aus der Landwirtschaft sind als Aufsatz in der Zeitschrift WASSER UND ABFALL erschienen (Kollatsch, R. A., Küchler, A., Schwerdtfeger, B., Stölken, B., Hannappel, S.: Regionalisierung diffuser stofflicher Grundwasserbelastungen in Mecklenburg-Vorpommern, WASSER UND ABFALL 3/2006).

diffuse Belastungen aus dezentraler Abwasserbe-
seitigung

 

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