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erheblich veränderte/künstliche Fließgewässerkörper

Die Mehrzahl der Fließgewässer in Mecklenburg-Vorpommern weist heutzutage eine deutliche bis sehr starke anthropogene Beeinflussung auf. Eine große Rolle spielen dabei hydromorphologische Veränderungen, das heißt insbesondere durch Gewässerausbau und Errichtung von Bauwerken verursachte Veränderungen der natürlichen Morphologie der Gewässer sowie Veränderungen ihres Abflussverhaltens. Die Wasserrahmenrichtlinie erlaubt nach Artikel 4 Absatz 3, einen Oberflächenwasserkörper, der den guten ökologischen Zustand wegen seiner hydromorphologischen Eigenschaften nicht zu erreichen vermag, als künstlich oder erheblich verändert auszuweisen. Die Ausweisung knüpft sich jedoch an zwei Bedingungen:
  • Maßnahmen, die nötig wären, den künstlichen oder erheblich veränderten Wasserkörper in einen guten ökologischen Zustand zu versetzen, wirkten sich in erheblichem Maße nachteilig auf Umwelt, Schifffahrt, Freizeitnutzung, Trinkwasserversorgung, Stromversorgung oder Bewässerung, Wasserregulierung, Hochwasserschutz, Landentwässerung und andere dauerhafte Entwicklungstätigkeiten des Menschen aus.
  • Der Zweck, dem die künstlichen und erheblich veränderten Wasserkörper dienen, lässt sich aus Gründen technischer Durchführbarkeit oder unverhältnismäßig hoher Kosten nicht mit Mitteln erreichen, die die Umwelt wesentlich mehr schonten.

 

Die aufgeführten Bedingungen verlangen eine eingehende individuelle Betrachtung jedes Wasserkörpers, der für eine Ausweisung als erheblich verändert oder künstlich in Frage kommt. Eine solche eingehende Betrachtung lässt sich in der Kürze der für die Bestandsaufnahme vorhandenen Zeit nicht durchführen. Mecklenburg-Vorpommern weist daher künstliche und erheblich veränderte Wasserkörper in der Bestandsaufnahme nur vorläufig aus. Als Kriterium einer vorläufigen Ausweisung gilt in Mecklenburg-Vorpommern, dass ein Wasserkörper in Anbetracht seines Gewässertyps wesensmäßig in seiner Struktur beeinträchtigt ist; ist dies der Fall, wird angenommen, dass der Wasserkörper wegen dieser hydromorphologischen Eigenschaften den guten ökologischen Zustand verfehlt. Die Überprüfung der oben genannten Ausweisungsbedingungen bleibt der Zeit nach 2004 vorbehalten.

 

Eine vorläufige Ausweisung als erheblich verändert oder als künstlich hat keine Rechtswirkung, weil die Wasserrahmenrichtlinie selbst keine vorläufige Ausweisung kennt. Die vorläufige Ausweisung dient der Wasserwirtschaftsverwaltung im Wesentlichen nur als Vorarbeit für eine definitive Ausweisung im Bewirtschaftungsplan 2009.

 

 
Ein künstlicher Wasserkörper ist nach Artikel 2 Nummer 8 der Wasserrahmenrichtlinie ein von Menschenhand geschaffener Oberflächenwasserkörper. Ein künstlicher Wasserkörper liegt dann vor, wenn vor seiner Herstellung kein natürlicher Oberflächenwasserkörper an seiner Stelle existierte. Wasserbauliche Veränderungen machen einen natürlichen Oberflächenwasserkörper nicht zu einem künstlichen; unter Umständen handelt es sich bei dem natürlichen Oberflächenwasserkörper um einen erheblich veränderten. Maßgebend für die Unterscheidung zwischen künstlichen und natürlichen Oberflächenwasserkörpern ist allein der Ursprung, nicht eine spätere anthropogene Überformung.

 

Nach Artikel 2 Nummer 9 ist ein erheblich veränderter Wasserkörper ein Oberflächenwasserkörper, in dessen Wesen der Mensch mit "physikalischen" Veränderungen erheblich eingegriffen hat. Als solche Veränderungen sind ausschließlich hydromorphologische Veränderungen zu verstehen, wie sich aus Artikel 4 Absatz 3 ergibt. Änderungen zum Beispiel des Wärmehaushaltes gelten in diesem Zusammenhang nicht als physikalische Veränderungen. Besser sollte man daher wohl von physischen Veränderungen sprechen. Wie aus dem Sinnzusammenhang der Wasserrahmenrichtlinie folgt, kann man als erheblich verändert nur natürliche Wasserkörper ausweisen.

 

Gemäß Artikel 4 Absatz 1 unterliegen erheblich veränderte und künstliche Wasserkörper mit dem guten ökologischen "Potenzial" einem anderen Bewirtschaftungsziel als nicht erheblich veränderte und nicht künstliche Wasserkörper mit dem guten ökologischen Zustand. Der Begriff "Potenzial" suggeriert Entwicklungsmöglichkeiten - tatsächlich handelt es sich auch bei dem sogenannten ökologischen Potenzial nach Artikel 2 Nummer 23 um einen ökologischen Zustand, freilich um einen geringerwertigen als dem ökologischen Zustand der nicht erheblich veränderten und nicht künstlichen Wasserkörper.

 

Man könnte aus der Definition des künstlichen Wasserkörpers in Artikel 2 Nummer 8 ableiten, dass für jeden von Menschenhand geschaffenen Wasserkörper ohne weiteres das geringerwertige Bewirtschaftungsziel des guten ökologischen Potenzials gelte. Dem widerspricht aber Artikel 4 Absatz 3, nach dem man Wasserkörper nur unter bestimmten Bedingungen als künstlich einstufen darf. Somit kann ein von Menschenhand geschaffener Wasserkörper - ein künstlicher Wasserkörper nach Artikel 2 Nummer 8 - ebenso wie ein natürlicher, nicht erheblich veränderter Wasserkörper in dem Fall dem anspruchsvolleren Ziel des guten ökologischen Zustandes unterliegen, dass man diesen Wasserkörper nicht ausdrücklich als künstlich ausweist. Es ist aus diesem Grunde falsch, wie von mancher Seite geschieht, den Gegensatz der erheblich veränderten und künstlichen Wasserkörper als natürliche Wasserkörper zu bezeichnen, und es ist darüber hinaus schon deswegen falsch, weil erheblich veränderte Wasserkörper stets natürliche Wasserkörper sind.

 

Nach der Wasserrahmenrichtlinie sind Oberflächenwasserkörper sinngemäß also in zwei Gruppen zu scheiden: die Gruppe der Wasserkörper, die man als erheblich verändert oder als künstlich ausweist, und die Gruppe der Wasserkörper, die man nicht als erheblich verändert und nicht als künstlich ausweist. Das eine sind weitgehend naturnahe Wasserkörper oder Wasserkörper, die zu weitgehender Naturnähe entwickelt werden sollen, das andere Wasserkörper, die erheblichen, gleichwohl legitimen Nutzungen unterliegen - sozusagen Nutzgewässer sind -, daher aus hydromorphologischen Gründen keine weitgehende Naturnähe aufweisen und in dieser Beschaffenheit bis auf weiteres erhalten bleiben. Dass solche Wasserkörper im Zustand der Naturferne erhalten bleiben, schließt aber nicht aus, dass man auch an ihnen gewässerverbessernde Maßnahmen durchführt, soweit sie die legitimen Nutzungen nicht gefährden.

 

Die Begriffe, die man mithin aus der Wasserrahmenrichtlinie abzuleiten hat - Wasserkörper, die man als erheblich verändert oder als künstlich ausweist, und Wasserkörper, die man nicht als erheblich verändert und nicht als künstlich ausweist -, sind leider nicht sehr handlich. Daher die Neigung, eingängigere, aber leider hier falsche Begriffe wie natürlicher Wasserkörper heranzuziehen. Doch muss man um der Klarheit willen an den angeführten Begriffen festhalten. Gerade der Begriff der künstlichen Wasserkörper wird, leichtfertig verwandt, künftig sicherlich viel Durcheinander stiften, der Begriff der natürlichen Wasserkörper könnte den Wirrwarr nur noch vollkommen machen. Die von der Wasserrahmenrichtlinie getroffene Unterscheidung der Wasserkörper in die zwei umständlich benannten Gruppen ist grundsätzlich sinnvoll, wenn man auch anmerken muss, dass hier ein Übermaß an Unterscheidung getroffen wurde. Denn aus praktischer Sicht erscheint die grundsätzliche Trennung zwischen als erheblich verändert und als künstlich ausgewiesenen Wasserkörpern zwar gewässerhistorisch interessant, doch gewässerbiologisch überflüssig. Eine Unterscheidung zwischen dem, was oben hilfsweise weitgehend naturnahe Wasserkörper und Nutzgewässer genannt wurde, hätte der Sache sicherlich genügt.

 

Das ökologische Potenzial als erheblich verändert oder als künstlich ausgewiesener Wasserkörper leitet sich nach Anhang V Nummer 1.2.5 der Wasserrahmenrichtlinie aus Bedingungen ab, die für den Oberflächengewässertyp gelten, der am ehesten mit dem als erheblich verändert oder als künstlich ausgewiesenen Wasserkörper vergleichbar ist. Dabei werden die physikalischen (wohl besser: physischen, d. h. hydromorphologischen) Bedingungen berücksichtigt, die sich aus den erheblich veränderten oder künstlichen Eigenschaften des Wasserkörpers ergeben. Das ökologische Potenzial entspricht folglich dem ökologischen Zustand des vergleichbaren Gewässertyps abzüglich - sofern sie nicht bereits mit der Zuordnung des vergleichbaren Gewässertyps erfasst sind - der besonderen Beschaffenheitsaspekte, die mit der erheblichen Veränderung oder der Künstlichkeit des Wasserkörpers einhergehen.

 

Die besonderen Beschaffenheitsaspekte, die man bei der Bestimmung des ökologischen Potenzials anzusetzen hat, ähneln sich bei Wasserkörpern, die als erheblich verändert und künstlich auszuweisen sind, in der Regel. Beide Arten von Wasserkörpern sind durch gleiche hydromorphologische Strukturen geprägt wie: geradliniger oder gestreckter Verlauf, Regelprofil, mangelnde Durchgängigkeit durch Querbauwerke, oft Verrohrungen. Eigenschaften, die künstliche Wasserkörper allein für sich beanspruchen könnten, wie zum Beispiel künstlich gedichtete Gewässersohlen, sind in Mecklenburg-Vorpommern so selten, dass sie nur eine individuelle Eigenschaft, keineswegs aber grundsätzliches Kennzeichen von Wasserkörpern sind, die für eine Ausweisung als künstlich in Betracht kommen. Individuelle Eigenschaften weist aber jedes Nutzgewässer, gleich, ob als erheblich verändert oder als künstlich auszuweisen, auf, denn jedes dieser Gewässer ist jeweils individuell von verschiedener Nutzung und verschiedenen Nutzungskombinationen geprägt.

 

Für die Auswahl der Wasserkörper, die als erheblich verändert oder als künstlich auszuweisen sind, ist deshalb vorderhand unerheblich, ob man die morphologischen Strukturen, die den Wasserkörper den guten ökologischen Zustand zu erreichen hindern, einem Wasserkörper natürlichen Ursprunges nachträglich zufügte oder man einen Wasserkörper mit den entsprechenden morphologischen Strukturen erst künstlich anlegte. So dürfte die Unterscheidung von "erheblich verändert" und "künstlich" den Gewässerorganismen gleichgütig sein, die unter den in der Regel gleichen morphologischen Bedingungen existieren müssen.

 

Bei der Bestandsaufnahme wird in Mecklenburg-Vorpommern daher nicht zwischen als erheblich verändert und als künstlich auszuweisenden Wasserkörpern unterschieden. Im Folgenden werden beide Arten von Wasserkörpern mit dem zusammenfassenden Begriff der als erheblich verändert/künstlich auszuweisenden Wasserkörper bezeichnet.

 

Begriff der künstlichen und erheblich verän-derten Wasser-körper
In Mecklenburg-Vorpommern wird die Frage von "erheblich verändert/künstlich" absehbar vor allem bei Fließgewässern eine nicht geringe Rolle spielen. Als klassisches Beispiel eines als erheblich verändert auszuweisenden Fließgewässers zieht man in der allgemeinen Diskussion gern die durch Staustufen in ihrem Abflussverhalten regulierte bedeutende Wasserstraße heran. Bei solchen Gewässern sollten die erheblichen Veränderungen, das Erfordernis weiterer Nutzung und zumal die Unverhältnismäßigkeit der Kosten, die die Beseitigung der erheblichen Veränderung verursachte, unmittelbar einsichtig sein. Derartige Wasserstraßen gibt es in Mecklenburg-Vorpommern jedoch kaum. Das typische gegebenenfalls als erheblich verändert/künstlich auszuweisende Fließgewässer sieht in Mecklenburg-Vorpommern anders aus: Es ist das intensiv unterhaltene staugeregelte, teils verrohrte und als landwirtschaftlicher Vorfluter fungierende kleine Fließgewässer. Mit ihm werden landwirtschaftliche Flächen vornehmlich entwässert, teilweise durch Anstau auch bewässert.

 

Ein solches Gewässer ist oft in seinem Wesen erheblich verändert, und es dient den von der Wasserrahmenrichtlinie genannten Schutzgütern. Der Zweck seiner erheblichen Veränderung oder seiner Künstlichkeit lässt sich nicht ohne weiteres mit verhältnismäßigen Kosten auf andere Weise erreichen. Änderungen seiner hydromorphologischen Beschaffenheit hätten vielfach das Ende des Schutzgutes zur Folge: Ein mäandrierender Bach kann in der Regel kaum als Vorflut der landwirtschaftlich notwendigen und in Mecklenburg-Vorpommern weit verbreiteten Dränsysteme dienen und das zugeleitete Wasser den Anforderungen der Landwirtschaft gemäß abführen - gerade aus diesem Grunde wurde das Fließgewässer erheblich verändert oder künstlich angelegt.

 

Die Ermittlung als erheblich verändert/künstlich auszuweisender Fließgewässerkörper setzt den Begriff der erheblichen Wesensveränderung nach Artikel 2 Nummer 9 voraus. Für einen Wasserkörper natürlichen Ursprunges bestimmt man den ihm von Natur aus zukommenden Gewässertyp und bemisst, wie stark das jetzige hydromorphologische Erscheinungsbild von der Hydromorphologie des Gewässertyps abweicht. Der Gewässertyp bezeichnet insofern den hydromorphologischen Referenzzustand. Ist die Abweichung so stark, dass der Wasserkörper seinem ursprünglichen Wesen entfremdet ist, wird er vorläufig als erheblich verändert/künstlich ausgewiesen. Dabei nimmt man an, dass ein solchermaßen seinem Wesen entfremdeter Wasserkörper hydromorphologisch keinen Lebensraum bietet, der für eine Biozönose erforderlich ist, die dem guten ökologischen Zustand des Wasserkörpers entspricht. Für vom Menschen geschaffene Wasserkörper verfährt man ebenso, setzt aber statt eines tatsächlichen einen nur fiktiven ursprünglichen Gewässertyp voraus, der dem Naturraum gemäß ist.

 

Die Orientierung an einem hydromorphologischen Referenzzustand und die Bestimmung der Abweichung entspricht dem Vorgehen der Fließgewässerstrukturgütekartierung. Für die Ermittlung als erheblich verändert/künstlich auszuweisender Wasserkörper werden deshalb die Ergebnisse der Fließgewässerstrukturgütekartierung herangezogen. Dabei ist zu beachten, dass sich die Strukturgütekatierung auf Kartierabschnitte, nicht auf Wasserkörper bezieht.

 

In Mecklenburg-Vorpommern liegen zu allen WRRL-relevanten Fließgewässern, das heißt allen zu typisierenden Fließgewässern mit Einzugsgebieten von mindestens 10 km², Strukturgütedaten vor (siehe hiezu das Kapitel "morphologische Fließgewässerveränderungen"). Die Daten sind digital aufbereitet und auf Routen, die über dem digitalen Fließgewässernetz ausgebildet sind, aufgesetzt.

 

Die erhebliche - für künstliche Wasserkörper fiktive - Wesensveränderung leitet sich in Mecklenburg-Vorpommern aus der Bewertung bestimmter Einzelparameter der Strukturgütekartierung ab. Es erscheint nicht sinnvoll, für die Frage erheblicher Veränderung die Gesamtbewertung heranzuziehen, denn in die Gesamtbewertung fließt auch das Umfeld des Gewässers ein. Hinsichtlich der Wesensveränderung ist aber vorrangig der Gewässerlauf zu betrachten. Eine Beziehung zwischen den Bewertungen der Gewässersohle und des Gewässerufers, wie sie die im Kapitel "morphologische Fließgewässerveränderungen" angesprochene Vorortkartierung an die Hand gibt, und der erheblichen Veränderung herzustellen, scheidet aus, weil man in Mecklenburg-Vorpommern Fließgewässer nicht nur vor Ort, sondern auch aus Luftbildern nach einem neuentwickelten Verfahren kartiert hat. Der Bereich Gewässersohle des Luftbildverfahrens entspricht nicht unmittelbar mit dem Bereich Gewässersohle des Vorortverfahrens. Für die Bestimmung der erheblichen Veränderung können daher nur Einzelparameter beider Verfahren verwandt werden, deren Bewertungen vergleichbar sind.

 

Mit Heranziehung von Einzelparametern und Einzelparameterkombinationen wird eine einfache Bestimmung der als erheblich verändert/künstlich auszuweisenden Wasserkörper bei der Masse der Daten unmöglich. Die Ermittlung erfolgt daher zunächst rechnergestützt mit den digitalen Strukturdaten nach dem im Folgenden dargestellten Regelwerk. Die rechnergestützte Vorermittlung soll die abschließende Ausweisung nach Einschätzung der Vorortbehörden - der Staatlichen Ämter für Umwelt und Natur - vorbereiten und erleichtern.

 

Die Ermittlung der als erheblich verändert/künstlich auszuweisenden Wasserkörper vollzieht sich in drei Rechenschritten:

  1. Die als erheblich verändert/künstlich anzusprechenden Kartierabschnitte werden bestimmt.
  2. Aneinanderstoßende als erheblich verändert/künstlich anzusprechende Kartierabschnitte werden zu erheblich veränderten/künstlich anzusprechenden Abschnittsverbänden zusammengefasst.
  3. Benachbarte Abschnittsverbände werden in Abhängigkeit von ihrer Umgebung und ihrer Eigeneinzugsgebietsgröße zu als erheblich verändert/künstlich auszuweisenden Wasserkörpern zusammengefasst.

 

Zur Bestimmung der als erheblich verändert/künstlich anzusprechenden Kartierabschnitte werden Einzelparameter gewählt, die besonders augenfällig auf eine erhebliche Veränderung eines Kartierabschnittes hinweisen können. Für jeden der Einzelparameter werden Parameterzustände festgelegt, die einen hohen Grad an Beeinträchtigung der Hydromorphologie widerspiegeln.

 

 

Die Parameter unterscheiden sich in ihrer ökomorphologischen Aussagekraft. Bei der Bestimmung als erheblich verändert/künstlich anzusprechender Kartierabschnitte sind daher die ausgewählten Parameter unterschiedlich zu gewichten. Wie die vorausgehende Darstellung zeigt, drückt sich die Gewichtung als Wert zwischen 1,5 und 5,5 aus. Je größer die Zahl, desto höher ist die Bedeutung des Parameters.

 

Das Regelwerk weist einen Kartierabschnitt als erheblich verändert/künstlich aus, wenn die Summe der gewichteten Parameterzustände größer oder gleich 5,5 ist. Um eine erhebliche Veränderung zu konstatieren, müssen somit grundsätzlich mehrere Faktoren zusammenkommen. Nur wenn ein Kartierabschnitt vollständig verrohrt ist oder sich in ihm ein unpassierbares Querbauwerk mit hohem oder sehr hohem Absturz befindet, wird der Abschnitt wegen des Gewichts von 5,5 stets als erheblich verändert/künstlich ausgewiesen.

 

 

Die Ergebnisse der Strukturgütekartierung gelten für Kartierabschnitte, die wegen ihrer geringen Länge in der Regel keine Wasserkörper darstellen. Die rechnergestützt ermittelten als erheblich verändert/künstlich anzusprechenden Kartierabschnitte müssen somit zu als erheblich verändert/künstlich auszuweisenden Wasserkörpern zusammengefasst werden, oder sie gehen als singulär in nicht als erheblich verändert/künstlich auszuweisenden Wasserkörpern auf. Auch die Zusammenfassung der Kartierabschnitte erfolgt rechnergestützt.

 

Für die Zusammenfassung ist es hilfreich, nicht nur die als erheblich verändert/künstlich, sondern auch die nicht als erheblich verändert/künstlich anzusprechenden Kartierabschnitte zu betrachten. Die nicht als erheblich verändert/künstlich anzusprechenden Kartierabschnitte unterteilt man dazu in naturnahe bis bedingt naturnahe Kartierabschnitte und in beeinträchtigte Kartierabschnitte. Die naturnahen bis bedingt naturnahen Abschnitte bestimmt man nach einem ähnlichen Verfahren wie die als erheblich verändert/künstlich anzusprechenden Abschnitte: Es werden Parameter festgelegt, an denen die annähernde Naturbelassenheit des Abschnittes ablesbar ist, und den Parametern werden Zustandsmerkmale zugewiesen, deren Bewertung nicht überschritten werden darf. Alle Abschnitte, die weder als erheblich verändert/künstlich noch als naturnah bis bedingt naturnah ermittelt werden, gelten als beeinträchtigt. Im Folgenden werden die Unterteilungen "erheblich verändert/künstlich", "naturnah bis bedingt naturnah" und "beeinträchtigt" als Klassen bezeichnet.

 

Zunächst werden aneinander stoßende Kartierabschnitte gleicher Klasse rechnergestützt zu Abschnittsverbänden zusammengeschlossen. Um bei einer weiteren Zusammenfassung der gebildeten Abschnittsverbände und der noch einzeln verbliebenen Abschnitte die jeweilige Klasse und Länge zu berücksichtigen, wird für jeden Abschnittsverband und verbliebenen Abschnitt ein Klassenmittelwert berechnet. Dazu ordnet man den Klassen verschiedene Zahlenwerte zu: Die Klasse "naturnah bis bedingt naturnah" erhält den Wert 0, die Klasse "beeinträchtigt" den Wert 1 und die Klasse "erheblich verändert/künstlich" den Wert 2.

 

Man bestimmt für jeden Abschnittsverband oder Abschnitt den geometrischen Mittelpunkt. Ausgehend von diesem Mittelpunkt betrachtet man stromauf und stromab alle benachbarten Abschnitte desselben Gewässers, die innerhalb einer vorgegebenen Fließstrecke liegen. Für alle Abschnitte wird die Länge ermittelt und mit dem Wert des Abschnittes ungewichtet multipliziert. Die so berechneten Indizes und die anteiligen Längen werden über alle Abschnitte innerhalb der Fließstrecke aufsummiert. Der für den betrachteten Abschnittsverband oder Abschnitt berechnete Klassenmittelwert ergibt sich aus dem Verhältnis der Summe der Indizes zu der Summe der anteiligen Längen.

 

Gemäß den Klassenwerten bewegen sich die berechneten Klassenmittelwerte der Abschnittsverbände und Abschnitte zwischen 0 und 2. Für die Zusammenfassung der Abschnittsverbände und Abschnitte zu Wasserkörpern sind Schwellenwerte festzulegen. Grundsätzlich ist die Menge der Klassenmittelwerte als statistisch gleichverteilt zu betrachten. Da das Verhältnis zwischen den drei Klassen "naturnah bis bedingt naturnah", "beeinträchtigt" und "erheblich verändert/künstlich" bei der Zusammenfassung gewahrt bleiben soll, werden die Schwellenwerte ebenfalls statistisch gleichverteilt zwischen den drei Klassen mit 0,667 für die Abgrenzung naturnaher bis bedingt naturnaher und mit 1,333 für die Abgrenzung erheblich veränderter/künstlicher Abschnittsverbände und Abschnitte festgelegt.

 

Entsprechend ihren Klassenmittelwerten lassen sich die einzelnen Abschnittsverbände und Abschnitte mittels der definierten Schwellenwerte in einem weiteren Rechenschritt zu Wasserkörpern zusammenfassen, sofern sie unmittelbar aufeinander folgen. In diesem Sinne sind die Schwellenwerte als Obergrenze für das Zusammenfassen zu einem naturnahen bis bedingt naturnahen Wasserkörper und als Untergrenze für das Zusammenfassen zu einem als erheblich verändert/künstlich auszuweisenden Wasserkörper zu verstehen. Alle Abschnittsverbände oder Abschnitte mit Mittelwerten zwischen den zwei Schwellenwerten werden zu einem Wasserkörper der Klasse "beeinträchtigt" zusammengefasst, sofern auch diese unmittelbar aufeinander folgen.

 

Nach diesen Rechenschritten können Wasserkörper verbleiben, die nicht das Größenkriterium einer bewirtschaftbaren Einheit erfüllen. In Mecklenburg-Vorpommern gilt als solches Größenkriterium ein Eigeneinzugsgebiet von 10 km². Wasserkörper mit kleinerem Eigeneinzugsgebiet werden rechnergestützt bevorzugt stromab benachbarten Wasserkörpern zugeschlagen, bis sich Wasserkörper hinreichender Größe ergeben. Der entstandene Wasserkörper wird der Klasse "beeinträchtigt" zugeordnet, wenn er sich aus naturnahen bis bedingt naturnahen und erheblich veränderten/künstlichen Wasserkörpern zusammensetzt; sonst erhält er die Klasse, die den größten Anteil an ihm ausmacht.

 

Die rechnergestützt getroffene Auswahl als erheblich verändert/künstlich auszuweisender Wasserkörper legten die Staatlichen Ämter für Umwelt und Natur der vorläufigen Ausweisung zu Grunde. Es ergab sich eine gute Übereinstimmung zwischen Rechenergebnis und Vororteinschätzung. Rund 40 % der WRRL-relevanten Fließgewässerstrecken Mecklenburg-Vorpommerns werden in der Bestandsaufnahme vorläufig als erheblich verändert/künstlich ausgewiesen.

 

Vorläufig als erheblich verändert/künstlich
ausgewiesene Fließgewässerkörper in
Mecklenburg-Vorpommern


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(pdf, 783kb)

 

Die vorstehenden Ausführungen sind als Aufsätze in den Zeitschriften KA - ABWASSER, ABFALL (KOLLATSCH, R. A., KÜCHLER, A., OLBERT, C., HÖLZL, K.: Vorläufige Ausweisung künstlicher und erheblich veränderter Fließgewässerkörper in Mecklenburg-Vorpommern, KA - ABWASSER, ABFALL 11/2004) und WASSERWIRTSCHAFT (KOLLATSCH, R. A., KÜCHLER, A., OLBERT, C., HÖLZL, K.: Verfahren zur vorläufigen Ausweisung künstlicher und erheblich veränderter Fließgewässerkörper an Hand von Strukturgütedaten, WASSERWIRTSCHAFT 3/2005) erschienen.

 

Ermittlung vorläufig als erheblich verändert/künstlich auszuweisender Fließgewässer-körper

 

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