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morphologische Veränderungen

Die Wasserrahmenrichtlinie verlangt, signifikante morphologische Veränderungen der Fließgewässer zu ermitteln. Als morphologische Veränderungen hat man Eingriffe des Menschen in die natürliche Gestalt des Gewässerbettes, das heißt des Gewässerufers und der Gewässersohle, zu verstehen. Solche Eingriffe können sich im Gewässerquerschnitt manifestieren, wenn das von Natur aus unregelmäßige Gewässerbett zum Beispiel in ein sogenanntes Regelprofil in Trapezform mit festgelegten Böschungsneigungen überführt ist, oder im Gewässerverlauf, wenn Gewässerwindungen, zu denen Fließgewässer neigen, durch Begradigung beseitigt sind. Morphologische Fließgewässerveränderungen rühren in Mecklenburg-Vorpommern hauptsächlich aus Gewässerausbaumaßnahmen der Vergangenheit her, die darauf ausgerichtet waren, die Gewässer zu Gunsten einer größtmöglichen wirtschaftlichen Nutzbarkeit der Gewässerniederungen zu gestalten. Hierbei ging es vor allem um die intensive landwirtschaftliche Nutzung und Melioration der Gewässerniederungen.

 

Morphologische Veränderungen lassen sich mit verschiedenen Verfahren bestimmen. In Deutschland allgemein verbreitet ist die Gewässerstrukturkartierung nach den Empfehlungen der Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA). Die LAWA unterscheidet zwei Verfahren:

  • das Vorortverfahren, bei dem Kartierer die Gewässerstruktur unmittelbar am Gewässer erheben, und
  • das Übersichtsverfahren, bei dem Kartierer die zur Beurteilung der Gewässerstruktur wesentlichen Merkmale überwiegend Luftbildern und Karten entnehmen.

Der Begriff der Gewässerstruktur bezeichnet dabei die Beschaffenheit des kartierten Gewässerbettes. Ursprünglich wohl als sich ergänzend gedacht, wandten die Bundesländer beide Kartierverfahren in den letzten Jahren oft alternativ, bisweilen in länderspezifischer Modifikation an, um Aussagen über die hydromorphologische Beschaffenheit der Fließgewässer für wasserwirtschaftliche und naturschutzfachliche Fragen zu erhalten.

 

Die Länge des Fließgewässernetzes Mecklenburg-Vorpommerns beträgt nach gegenwärtigem Stand 43.000 km. Rechnet man die fiktiven Fließstrecken in durchflossenen Seen ab, verbleibt eine Länge von 40.000 km. Von den 40.000 km entfallen 7.700 km auf Fließgewässer, die ein Einzugsgebiet von mindestens 10 km² haben, nach Wasserrahmenrichtlinie also zwingend zu typisieren und damit für ihre Umsetzung relevant sind.

 

In Mecklenburg-Vorpommern kartiert man seit 1994 Fließgewässerstrukturen nach einem Vorortverfahren, das dem LAWA-Vorortverfahren ähnelt. Von den bis einschließlich 2003 nach diesem Verfahren kartierten offenen Fließgewässerstrecken liegen 3.900 km im WRRL-relevanten Fließgewässernetz.

 

Es liegt nahe, diese Gewässerstrukturkartierung zur Ermittlung morphologischer Veränderungen gemäß Wasserrahmenrichtlinie zu nutzen. Hält man sich vor Augen, dass 700 km des relevanten Fließgewässernetzes verrohrt und damit einer Strukturkartierung nicht zugänglich sind, verbleiben 3.100 km offener Fließgewässerstrecken, deren mögliche morphologische Veränderungen die Wasserwirtschaftverwaltung gemäß den Anforderungen der Wasserrahmenrichtlinie in der Bestandsaufnahme zu beschreiben hat.

 

Eine vollständige Kartierung dieser Gewässerstrecken nach dem Vorortverfahren scheidet aus zeitlichen und finanziellen Gründen aus. Das unaufwendigere Verfahren der LAWA-Übersichtskartierung hingegen erscheint nicht geeignet, den Ansprüchen der mecklenburg-vorpommerschen Wasserwirtschaftsverwaltung und den Anforderungen der von der Wasserrahmenrichtlinie geforderten Ermittlung morphologischer Belastungen und der Beurteilung ihrer Auswirkungen vollständig zu genügen; gerade eine Ansprache und Bewertung von Einzelphänomenen lässt die Übersichtskartierung nur eingeschränkt zu. Vor allem führte eine Übersichtskartierung zu ungleich gröberen Ergebnissen, die den für den überwiegenden Teil der Fließgewässer vorliegenden des Vorortverfahrens nicht zu vergleichen wären. Das Übersichtsverfahren kommt daher für die Bestandsaufnahme in Mecklenburg-Vorpommern nicht in Frage.

 

 
Bei dem mecklenburg-vorpommerschen Vorortverfahren erfasst man die Gewässerstruktur von Kartierabschnitten nach einem Indexsystem mit sechs Hauptparametern, denen 36 Einzelparameter zugeordnet sind. 26 Einzelparameter gehen in die Bewertung der Kartierabschnitte ein, zehn haben nur informatorischen Charakter.

 

Hauptparameter

Einzelparameter

Index

Bonus/Malus

Laufentwicklung

Laufkrümmung

X

 

Krümmungserosion

X

 

Längsbänke

 

X

besondere Laufstrukturen

 

X

Längsprofil

Querbauwerke

 

X

Verrohrungen

 

X

Rückstau

 

X

Querbänke

 

X

Strömungsdiversität

X

 

Tiefenvarianz

X

 

vorherrschendes Strömungsbild

informatorisch

Sohlenstruktur

Sohlensubstrat

 

X

Sohlenverbau

X

 

Substratdiversität

X

 

besondere Sohlenstrukturen

 

X

Zustand des Sohlenverbaus

informatorisch

Makrophyten

informatorisch

besondere Belastungen

informatorisch

Querprofil

Profiltyp

X

 

Profiltiefe

X

 

Breitenerosion

X

 

Breitenvarianz

X

 

Durchlässe

 

X

obere Breite

informatorisch

Sohlbreite

informatorisch

Mittelwassertiefe

informatorisch

Uferstruktur

Ufergehölz

X

 

Ufervegetation (außer Bäume)

X

 

Uferverbau

X

 

besondere Uferstrukturen

 

X

Uferlängsgliederung

informatorisch

Zustand des Uferverbaus

informatorisch

besondere Belastungen

informatorisch

Gewässerumfeld

Flächennutzung

X

 

Gewässerrand-streifen

X

 

schädliche Umfeldstrukturen

 

X

 

Die Kartierabschnitte richten sich nach der weitgehenden Einheitlichkeit der Gewässerstrecken und sollen nicht kürzer als 50 m und nicht länger als 500 m sein. Querbauwerke und Verrohrungen bilden untere Grenzen ausgegliederter 100-m-Abschnitte, Verrohrungen länger als 50 m werden als eigene Abschnitte geführt.

 

Jeden Einzelparameter beschreiben Merkmalreihen, die die möglichen Ausprägungen des Einzelparameters darstellen. Die Einzelparametermerkmale der Kartierabschnitte erhebt der Kartierer vor Ort, das heißt am Gewässer. Danach erfolgt die Bewertung der Kartierabschnitte. Man führt die Indexdotierungen der Einzelparameter zu einer Bewertung der sechs Hauptparameter zusammen, indem man den Mittelwert der zugehörigen Einzelparameter bildet; die Ausprägung von Einzelstrukturen geht mit Bonuswerten bei Strukturaufwertung und mit Maluswerten bei Schadstrukturen in die Berechnung ein. Die Gesamtbewertung des Kartierabschnittes ermittelt man abschließend als arithmetischen Mittelwert der Hauptparameter.

 

Vorort-
katierung
Da sowohl das Vorortverfahren als auch das Übersichtsverfahren für eine Kartierung der verbleibenden 3.100 km offener Fließgewässerstrecken des WRRL-relevanten Netzes ausscheiden, entwickelt die mecklenburg-vorpommersche Wasserwirtschaftsverwaltung in der Bestandsaufnahme kurzfristig ein angepasstes Verfahren der Gewässerstrukturerfassung. Das Verfahren lehnt sich eng an die mecklenburg-vorpommersche Vorortkartierung an und erlaubt insbesondere eine genaue Ansprache von Einzelparametern. Als Datengrundlage dienen Luftbilder der Fließgewässer.

 

Bei der Entwicklung des Verfahrens wird untersucht, inwieweit Einzelparameter und ihre Ausprägungen im Luftbild durch entsprechende Differenzierungen in Größe, Dichte, Textur, Kontrast und Helligkeit zu erkennen sind. An Hand der Ergebnisse wird auf der Grundlage der Kartieranleitung des Vorortverfahrens eine modifizierte Kartieranleitung erstellt. Zur Verifizierung des Verfahrens lässt die Wasserwirtschaftsverwaltung in der Bestandsaufnahme im Luftbildverfahren kartierte Gewässerabschnitte vor Ort nachkartieren.

 

Wie bei der Vorortkartierung richtet sich die Länge eines Kartierabschnittes bei der Luftbildkartierung nach der weitgehenden Einheitlichkeit der zu kartierenden Gewässerstrecke. Dabei stehen neben dem Gewässertyp die hochintegrativen Parameter Laufkrümmung und Profiltyp im Vordergrund, bei deren deutlicher Änderung man einen neuen Abschnitt bildet. Um einen angemessenen Kartierfortschritt zu gewährleisten, wird eine Länge des Kartierabschnittes von 1.000 m zur Orientierung angenommen. Es liegt im Ermessen der Kartierer, längere als homogen erkannte Abschnitte oder deutlich abweichende kürzere Strecken als eigene Kartierabschnitte auszuweisen. Stark die Gewässerstruktur beeinflussende Querbauwerke und längere Verrohrungen bilden Grenzen neuer Abschnitte.

 

Das entwickelte Luftbildverfahren beschreibt die Gewässerstruktur von Kartierabschnitten mit vier Hauptparametern, denen 21 Einzelparameter zugeordnet sind; ein Einzelparameter hat nur informatorischen Charakter.

 

Hauptparameter

Zwischenparameter

Einzelparameter

Index

Bonus/Malus

Laufausbildung

 

Laufkrümmung

X

 

Profilausbildung

 

Profiltyp

X

 

Profilentwicklung

Profiltiefe

X

 

Breitenvarianz

X

 

Breitenerosion

X

 

Krümmungserosion

X

 

Einzelstruktur-ausstattung

Längsbänke

 

X

Querbänke

 

X

besondere Laufstrukturen

 

X

anthropogene Barrieren

Durchlass

X

 

Verrohrung

 

 

Querbauwerk

X

 

Uferausbildung

 

Uferlängsgliederung

X

 

 

Ufergehölz

X

 

 

Ufervegetation (außer Bäume)

X

 

 

Uferverbau

X

 

 

besondere Uferstrukturen

 

X

 

besondere Belastungen

informatorisch

Gewässerumfeld

 

Flächennutzung

X

 

 

Gewässerrand-streifen

X

 

 

schädliche Umfeldstrukturen

 

X

 

Im Vergleich zu dem Vorortverfahren zeigen sich einige Unterschiede, die teils auf die Spezifik der Luftbildauswertung zurückzuführen sind, teils Erkenntnisse der bisherigen Anwendung des mecklenburg-vorpommerschen Vorortverfahrens widerspiegeln:

  • Hauptparameter Laufausbildung: Ihm ist ausschließlich der Einzelparameter Laufkrümmung zugeordnet. Die Laufkrümmung ist ein hochintegrativer Parameter, der eine wesentliche Zustandsinformation über die Laufausbildung im Kartierabschnitt gibt - der entsprechende Index wird daher mit keinem anderen verrechnet.
  • Hauptparameter Profilausbildung: Ihm sind die Einzelparameter Profiltyp sowie die Zwischenparameter Profilentwicklung, Einzelstrukturausstattung und anthropogene Barrieren zugeordnet. Der Hauptparameter bewertet den strukturellen Gehalt des Krümmungsbildes; im Mittelpunkt steht dabei der Profiltyp, durch dessen Bestimmung wesentliche Aussagen zum Strukturzustand des Gewässers möglich sind. Zur Charakterisierung der momentanen Entwicklung des Profils werden die Einzelparameter Profiltiefe, Breitenvarianz, Breitenerosion und Krümmungserosion zu dem Zwischenparameter Profilentwicklung zusammengefasst. In dieses durch die Bewertung vorhandener Einzelstrukturen ergänzte Gesamtbild werden die anthropogenen Barrieren integriert. Die Einzelstrukturausstattung führt die Einzelparameter Längsbänke, Querbänke und besondere Laufstrukturen in einem neuen Zwischenparameter zusammen, ebenso die anthropogenen Barrieren die Einzelparameter Durchlässe, Verrohrungen und Querbauwerke.
  • Hauptparameter Uferausbildung: Ihm sind die Einzelparameter Uferlängsgliederung, Ufergehölze, Ufervegetation, Uferverbau, besondere Uferstrukturen und besondere Belastungen zugeordnet. Der Hauptparameter entspricht weitgehend dem Hauptparameter Uferstruktur des Vorortverfahrens. Die Uferlängsgliederung wird im Vorortverfahren zwar erfasst, geht aber nicht in die Bewertung ein; demgegenüber hat sie im Luftbildverfahren den Rang eines vollgültigen Einzelparameters wegen ihrer aus Erfahrungen der Vorortkartierung erwiesenen Zuverlässigkeit in der Aussage. Die Indexbewertung des Ufers nur an Hand des Bewuchses und besonderer Einzelstrukturen ist zu unsicher und benötigt die Uferlängsgliederung als Festpunkt.
  • Hauptparameter Gewässerumfeld: Er entspricht dem Hauptparameter Gewässerumfeld des Vorortverfahrens.

 

Über die Beschaffenheit der Sohle und die Fließverhältnisse lassen sich an Hand von Luftbildern keine oder nur unzureichende Aussagen treffen. Daher findet der Hauptparameter Sohlenstruktur des Vorortverfahrens samt seinen Einzelparametern keine Entsprechung im Luftbildverfahren, ebensowenig die Einzelparameter Rückstau, Strömungsdiversität, Tiefenvarianz und vorherrschendes Strömungsbild des Hauptparameters Längsprofil.

 

Insgesamt stellt sich das Parametergefüge des Luftbildverfahrens etwas anders dar als das des Vorortverfahrens, indem sich zum einen die Grenzen zwischen den Hauptparametern verschieben, zum anderen Parameter entfallen, doch sind die verbleibenden Einzelparameter des Luftbildverfahrens weitgehend identisch mit denen des Vorortverfahrens. Damit erfüllt die Luftbildkartierung eine wesentliche Anforderung, die an sie gestellt war. Die Merkmalreihen, die Merkmaldefinitionen und die bewertenden Indizes des Luftbildverfahrens entsprechen den Vorgaben des Vorortverfahrens oder sind nach den Erfahrungen aus der Anwendung des Vorortverfahrens und den Erfordernissen der Luftbildauswertung behutsam geändert, ohne die Vergleichbarkeit der Einzelparameterbewertung zu gefährden.

 

Das Bewertungsverfahren der Vorortkartierung lässt sich nicht auf die Luftbildkartierung übertragen. Die geringere Zahl der Einzelparameter bewirkt, dass man neue Hauptparameter durch stärkere Gewichtung aussagekräftiger Einzelparameter bilden muss, um die Gewässerstruktur zuverlässig beschreiben zu können. Zudem soll das Bewertungsverfahren der Luftbildkartierung Erfahrungen aus der Anwendung der Vorortkartierung aufnehmen, insbesondere die für die Ansprache der Gewässerstruktur hochintegrative Rolle der Einzelparameter Laufkrümmung und Profiltyp.

 

Im Ergebnis berechnet sich die Gesamtbewertung der Struktur eines Kartierabschnittes nach dem Luftbildverfahren aus dem Mittel der Indizes der vier Hauptparameter, wobei der Hauptparameter Profilausbildung mit besonderem Gewicht eingeht. Die Hauptparameter Uferausbildung und Gewässerumfeld ergeben sich aus dem arithmetischen Mittel der zugehörigen Einzelparameter, vom dem man jeweils die besonderen Uferstrukturen und die schädlichen Umfeldstrukturen als Bonus oder Malus ab- oder aufrechnet. In der Berechnung des Hauptparameters Profilausbildung erhält der Einzelparameter Profiltyp gegenüber den zu einem Zwischenparameter zusammengefassten Einzelparametern Profiltiefe, Breitenvarianz, Breitenerosion und Krümmungserosion ein besonderes Gewicht bei der Mittelwertbildung. Die Einzelstrukturausstattung wird als Bonus oder Malus im Mittelwert berücksichtigt.

 

Das folgende Bild zeigt die Ergebnisse des Vorortverfahrens und des Luftbildverfahrens im Vergleich an dem Beispiel des Tangrimbachoberlaufes. Der Tangrimbach hat ein Einzugsgebiet von 30 km² und mündet in die Trebel, einen Zulauf der Peene. Dargestellt ist die Gesamtbewertung der Kartierabschnitte, die ein Kartierer vor Ort und ein anderer aus dem Luftbild aufnahm. Es lässt sich eine gute Übereinstimmung feststellen. Nicht überraschend ist, dass das Luftbildverfahren mit dem Abschnittsrichtwert von 1.000 m bei der Bewertung in größerem Maße aggregierend wirkt als das Vorortverfahren und damit kürzere in der Strukturgüte abweichende Fließgewässerstrecken unterschlägt (siehe eingekreiste Abschnitte). Bei der Strukturaufnahme selbst kann man hingegen durch die Erfassung wichtiger Parameter nach ihren relativen Anteilen im Abschnitt ein ähnlich differenzierteres Bild erreichen. Die stärkeren Bewertungsunterschiede in dem östlichen Waldstück können auf Schwierigkeiten zurückgehen, die der Luftbildkartierung dichtes Gehölz am Gewässerufer bereitet. Bei jedem Vergleich von Kartierergebnissen darf man aber natürlich nicht den subjektiven Faktor bei der Ansprache von Gewässerstrukturen vergessen, der auch bei der Vorortkartierung zwischen verschiedenen Kartierern eine Rolle spielt

 

Kartierung des Tangrimbaches im
Peeneeinzugsgebiet nach dem Vorort- und
dem Luft-bildverfahren

 
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(pdf, 101kb)

 

Das Luftbildverfahren erlaubt einen integrativeren Blick auf das Gewässer, als ihn ein Vorortkartierer am Gewässer selbst in der Regel haben kann. Je nach Wahl des Ausschnittes lässt sich der Kartierabschnitt im Zusammenhang des Gewässers oder aber in verschiedenen Detailgraden betrachten. Man kann die Parameter Flächennutzung, Gewässerrandstreifen und Ufergehölz genauer flächenmäßig bestimmen, auch ist das Krümmungsbild des Gewässers in der Übersicht besser zu erfassen.

 

Günstig ist ferner die Möglichkeit, mit der verwandten Auswertetechnik Ereigniswechsel genau zu verorten und Höhen und Längen ohne großen Aufwand zu messen, wodurch sich Profiltiefe, Gewässergefälle und Absturzhöhen rasch einschätzen lassen. Die zügige Abarbeitung der Kartierung, die innerhalb eines halben Jahres abgeschlossen wurde, gewährleistet eine optimale Homogenität der Kartierung. Als nachteilig erscheint jedoch die mangelnde Bestimmung von Sohlstrukturen und Fließverhältnissen sowie die Schwierigkeiten bei der Kartierung von dicht mit Gehölzen bestandenen Gewässerabschnitten.

 

Die Luftbildauswertung kann nicht das Urteil des Experten vor Ort bei der Erfassung differenzierter ökomorphologischer Vorgänge ersetzen, bietet jedoch die Möglichkeit, zu Aussagen über Einzelparameter und Strukturgüte von Fließgewässern zu gelangen, die denen des Vorortverfahrens vergleichbar sind. Damit stellen die Ergebnisse des Luftbildverfahrens eine eminent wichtige Grundlage der Bestandsaufnahme der Fließgewässer dar.

 

Die Fließgewässerstrukturgüte ist – gemessen an den Begriffen der Wasserrahmenrichtlinie – ein Zwitter: sie erfasst die Belastungen, die der Mensch auf die Hydromorphologie ausübt, und beschreibt, indem sie die Belastungen bewertet, zugleich die hydromorphologischen Auswirkungen. Hinsichtlich der Ergebnisse der Fließgewässerstrukturbewertung nach dem angewandten Vorort- und Luftbildverfahren sei daher auf die Ausführungen des die Auswirkungen beschreibenden Kapitels „morphologische Qualitätskomponenten der Fließgewässer“ verwiesen. An dieser Stelle sei lediglich auf ein besonderes Problem des Gewässerausbaus in Mecklenburg-Vorpommern dargestellt, das Problem der Gewässerverrohrung.

 

Eine Verrohrung ist nach DIN 4047 Teil 5 eine „Rohrleitung, in der ein Fließgewässer unter flächenhaften Hindernissen ... durchgeleitet wird“. Sie unterscheidet sich durch ihren Bauzweck und meist durch ihre längenmäßige Ausprägung von dem Durchlass, den die DIN als „Kreuzungsbauwerk, in dem ein Gewässer ... unter einem Verkehrsweg oder Damm hindurchgeleitet wird“, definiert. Als flächenhaftes Hindernis, unter dem Verrohrungen durchleiten, sind in Mecklenburg-Vorpommern vornehmlich landwirtschaftliche Nutzflächen zu verstehen.

 

Im Flächenland Mecklenburg-Vorpommern wurde das Gros erfolgter Gewässerverrohrungen im Zusammenhang mit der Gewinnung zusätzlicher landwirtschaftlicher Nutzfläche und der Verbesserung ihrer Nutzbarkeit durchgeführt. In der DDR wurde der Schaffung von Großschlägen, der Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion und der stärkeren Mechanisierung und Technisierung der Landwirtschaft ein hoher Stellenwert eingeräumt. Umfangreiche Meliorationen erstreckten sich dabei nicht nur auf Maßnahmen zur Ent- und teilweise Bewässerung von Flächen (hauptsächlich Dränung), sondern auch auf die sogenannte Reliefmelioration, bei der alles in der landwirtschaftlichen Fläche beseitigt wurde (Kleingewässer, offene Fließgewässer, Heckenstrukturen, Böschungskanten usw.), was den Einsatz der Großtechnik behindert hätte. Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR kann man von einer sehr hohen anthropogenen Verminderung der natürlichen Dichte des offenen Gewässernetzes durch Verrohrung auf durchschnittlich 40 - 60 % ausgehen.

 

Das Problem der Verrohrung betrifft aus technischen Gründen kleinere Fließgewässer. Von den 40.000 km Fließgewässern Mecklenburg-Vorpommerns sind nach gegenwärtigem Stand 14 % oder 5.600 km verrohrt. Bei den vergleichsweise größeren WRRL-relevanten Fließgewässern mit Einzugsgebieten von mindestens 10 km² verringert sich der Anteil auf 9 % oder 700 km. Immerhin fast jeder zehnte Fließkilometer ist somit verrohrt. Damit bilden Verrohrungen einen Schwerpunkt morphologischer Fließgewässerveränderungen in Mecklenburg-Vorpommern. Die beiden folgenden Karten stellen die verrohrten Fließstrecken im Gesamt- und WRRL-relevanten Fließgewässernetz dar.

 

Verrohrte Fließgewässer in Mecklenburg-Vorpommern

 
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(pdf, 2,11mb)

 

Verrohrungen im WRRL-relevanten Fließgewässernetz Mecklenburg-Vorpommerns

 
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(pdf, 655kb)

 

Zu dem im Zuge der Bestandsaufnahme entwickelten Luftbildkartierverfahren sind Aufsätze in den Zeitschriften KA - ABWASSER, ABFALL (KOLLATSCH, R. A., KÜCHLER, A., PODßUN, D.: Morphologische Veränderungen an Fließgewässern gemäß Wasserrahmenrichtlinie – Luftbildverfahren zur Gewässerstrukturerfassung, KA - ABWASSER, ABFALL 12/2003) sowie WASSERWIRTSCHAFT (KOLLATSCH, R. A., KÜCHLER, A., PODßUN, D.: Luftbildverfahren zur Ermittlung morphologischer Veränderungen an Fließgewässern Mecklenburg-Vorpommerns, WASSERWIRTSCHAFT 1-2/2004) erschienen und zu der speziellen Frage der Fließgewässerverrohrungen Aufsätze ebenfalls in den Zeitschriften KA - ABWASSER, ABFALL (KOLLATSCH, R. A., NEUMANN, B., MEHL, D., MARQUARDT, A.: Künstliche und erheblich veränderte Wasserkörper in Mecklenburg-Vorpommern – Das Problem der Gewässerverrohrungen, KA - ABWASSER, ABFALL 9/2003) sowie WASSERWIRTSCHAFT (MEHL, D., MARQUARDT, A., KOLLATSCH, R. A., NEUMANN, B.: Bestandsaufnahme nach Wasserrahmenrichtlinie in Mecklenburg-Vorpommern: Zum Ausmaß der Fließgewässerverrohrung, WASSERWIRTSCHAFT 9/2003).

Luftbild-
kartierung

 

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