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In der Bestandsaufnahme soll die Wasserwirtschaftsverwaltung ermitteln, welchen signifikanten Belastungen die Fließgewässer ausgesetzt sind und wie sich diese Belastungen auf die Fließgewässer auswirken. Das Kapitel „Bestandsaufnahme > Allgemeines“ legt den Begriff der Signifikanz einer Belastung dar; an dieser Stelle soll erläutert werden, was überhaupt unter einer Belastung eines Fließgewässers zu verstehen ist.

 

Von dieser oder jener Seite wird ein Indikatorenmodell der Europäischen Umweltagentur bemüht, um die Begriffe Belastung und Auswirkung, wie sie die Wasserrahmenrichtlinie gebraucht, zu erklären. Nach diesem Modell sollen sich das Einwirken des Menschen auf die Umwelt, die daraus entstehenden Folgen und die Reaktion des Menschen auf diese Folgen in ein Schema von „umweltrelevanter Aktivität“ – Belastung – Zustand – Auswirkung – „Reaktion“ einordnen. Ein hypothetisches Beispiel: Unter „umweltrelevanter Aktivität“ sei die Industrie zu verstehen, unter der von ihr ausgehenden Fließgewässerbelastung die Einleitung unzulänglich gereinigter Abwässer, unter dem sich daraufhin einstellenden Fließgewässerzustand ein niedriger Sauerstoffgehalt, verursacht vom biologischen Abbau der Abwasserinhaltsstoffe, unter Auswirkung das vom Sauerstoffmangel ausgelöste Fischsterben und schließlich unter „Reaktion“ Maßnahmen der Wasserwirtschaftsverwaltung, die die Einleitung unzulänglich gereinigter Abwässer abstellen und damit künftige Fischsterben verhindern sollen.

 

Manches lässt es zweifelhaft erscheinen, doch womöglich legten die Urheber der Richtlinie 2000/60/EG – der EU-Wasserrahmenrichtlinie – ihren Ansätzen dieses Indikatorenmodell tatsächlich zu Grunde. Dann aber wandten sie die Begriffe in inkongruenter Weise an. Dies wird besonders im Zusammenhang mit dem Begriff „Auswirkung“ deutlich. Darauf geht an anderer Stelle das Kapitel „Auswirkungen auf die Fließgewässer“ ein.

 

Die Richtlinie 2000/60/EG nennt im Anhang II unter Nummer 1.4 Einwirkungen, die der Mensch auf Oberflächengewässer ausübt und die die Richtlinie als Belastungen bezeichnet: „Verschmutzung durch Punktquellen“, „Verschmutzung durch diffuse Quellen“, „Wasserentnahmen“, „morphologische Veränderungen“. Diese Einwirkungen kann man als Belastungen unter das genannte Modell subsumieren. Doch die weiteren Einwirkungen, die die Richtlinie aufführt, wollen nicht recht zu dem Modell passen: „Auswirkungen signifikanter Abflussregulierungen“, „andere signifikante Auswirkungen auf den Zustand des Wassers“. Zum einen wirkte vor dem Hintergrund einer Modellanwendung wenig stringent, Auswirkungen als Belastungen zu bezeichnen, zum anderen führte die Richtlinie unter Belastungen auch in der Sache etwas an, was im Sinne des Modells falsch erscheint: können doch Belastung nur „Abflussregulierungen“ sein, nicht aber die „Auswirkungen von Abflussregulierungen“ und die von der Abflussregulierungen verursachten Auswirkungen nur der Zustand. Völlig aus dem Rahmen des Modells fällt schließlich die letzte Belastung, die die Richtlinie nennt: „Bodennutzungsstrukturen“. Mögen Bodennutzungsstrukturen vielleicht für das Schutzgut Boden eine Belastung darstellen können, für Gewässer können sie es definitiv nicht: nicht die Bodennutzung selbst, erst die auf die Gewässer einwirkenden Folgen der Bodennutzung kann man als Gewässerbelastungen qualifizieren. Im Sinne des Modells lassen sich Bodennutzungsstrukturen, bezogen auf Gewässer, allenfalls als „umweltrelevante Aktivitäten“ ansehen.

 

Allerdings stellen die von der Richtlinie 2000/60/EG genannten Belastungen nicht nur eine Anwendung des Indikatorenmodells der Europäischen Umweltagentur vor Probleme, sie entziehen sich grundsätzlich einer einheitlichen Begriffsbestimmung. „Punktuelle und diffuse stoffliche Verschmutzungen“, „morphologische Veränderungen“ oder „Abflussregulierung“ sind substanziell vergleichbare Erscheinungen: sie sind vom Menschen verursachte unmittelbare Einwirkungen, die ein Gewässer gegenüber seinem Zustand vor der Einwirkung verändern: sei es die stoffliche Beschaffenheit des Wassers, die Gestalt des Gewässers oder sein Abflussverhalten. Begrifflich anderes sind „Auswirkungen von Abflussregulierungen“ und erst recht „Bodennutzungsstrukturen“. Es erscheint daher kaum möglich, die von der Richtlinie genannten Erscheinungen unter einem Begriff zusammenzuführen.

 

 
Dennoch ist es wichtig, sich für die Bestandsaufnahme einen Begriff von dem zu bilden, was man als Belastungen ermitteln soll. Dabei genügt es jedoch, sich auf den Wortsinn von „Belastung“ zu beziehen. Belastungen sind nachteilig, sie wirken unmittelbar, sie strapazieren das, was sie belasten, und sie sind, als anthropogene Belastungen, wie sie die Richtlinie 2000/60/EG nennt, vom Menschen verursacht. Die mecklenburg-vorpommersche Wasserwirtschaftsverwaltung fasst demnach als Fließgewässerbelastungen alle Einwirkungen auf, die der Mensch gezielt oder ungezielt unmittelbar auf Fließgewässer ausübt und die Fließgewässer physisch, chemisch oder physikalisch nachteilig verändern, wobei nachteilig bedeutet, dass Fließgewässer sich vom natürlichen Zustand entfernen. Unter diesen Begriff lassen sich die meisten der von der Richtlinie als Belastungen bezeichneten Erscheinungen vereinigen. „Auswirkungen von Abflussregulierungen“ betrachtet die Wasserwirtschaftsverwaltung entgegen dem Richtlinientext bei der Belastungsermittlung nicht, sondern nur „Abflussregulierungen“. „Abflussregulierungen“ kann man ebenfalls unter den genannten Belastungsbegriff fassen. Auf die von der Richtlinie als Belastungen bezeichneten „Auswirkungen der Abflussregulierungen“ wird erst eingegangen, wenn es zu beurteilen gilt, wie sich die einzelnen Belastungen auf die Gewässer auswirken, das heißt in den Kapiteln „Auswirkungen auf die Fließgewässer“, „Auswirkungen auf die Standgewässer“, „Auswirkungen auf die Küstengewässer“ und „Auswirkungen auf das Grundwasser“. Weiterhin nicht als Belastung verstehen lassen sich „Bodennutzungsstrukturen“; sie werden dennoch gesondert, gleichsam im Anhang, unter Belastungen aufgeführt, nicht, weil sie etwa Belastungen wären, sondern weil die Richtlinie sie Belastungen nennt und weil sie sich unter Auswirkungen noch weniger anbringen ließen.

 

Vor dem Hintergrund der angeführten Begriffsbestimmung gibt die Richtlinie 2000/60/EG in Anhang II Nummer 1.4 faktisch eine abschließende Aufzählung dessen, was man als Belastungen zu betrachten hat. Zwar ist die Aufzählung formal nicht abschließend – die Richtlinie sagt, dass insbesondere die angeführten Belastungen zu ermitteln seien –, doch tatsächlich erfassen die angeführten Belastungen alles, was der Erfahrung nach auf Gewässer einwirken kann, zumal die Richtlinie in der Aufzählung mit den „anderen anthropogenen Auswirkungen auf den Zustand des Wassers“ auch noch einen Tatbestand anführt, der möglicherweise Übrigbleibendes auffängt. Letztlich konkretisiert sich jede Einwirkung des Menschen in einer von der Richtlinie aufgezählten Belastung: als punktuelle oder diffuse stoffliche Verschmutzung, als morphologische oder mengenmäßige Veränderung, als Abflussregulierung. Physikalische Einwirkungen wie Temperaturänderungen fallen dann unter den Auffangtatbestand der „anderen anthropogenen Auswirkungen auf den Zustand des Wassers“. Hier verwendet die Richtlinie 2000/60/EG den für Begriffssystematisierungen wiederum fatalen Begriff der „anderen Auswirkungen“; die mecklenburg-vorpommersche Wasserwirtschaftsverwaltung deutet diesen Begriff aus praktischen Gründen in „andere Einwirkungen“ um und geht auf deren eventuelle Auswirkungen wie auf die „Auswirkungen der Abflussregulierungen“ bei der von der Richtlinie geforderten Beurteilung der Auswirkungen ein. Andere als chemische, physische und physikalische Einwirkungen auf Gewässer treten der Erfahrung nach nicht auf.

 

Die folgenden Kapitel stellen in der Reihenfolge, mit der die Richtlinie 2000/60/EG die Belastungen aufzählt, dar, was die mecklenburg-vorpommersche Wasserwirtschaftsverwaltung als signifikante Belastungen der Fließgewässer in der Bestandsaufnahme ermittelte. Das Kapitel „punktuelle Fließgewässerbelastungen“ geht hauptsächlich auf Belastungen ein, die von der Einleitung behandelten Abwassers ausgehen. Das Kapitel „diffuse Fließgewässerbelastungen“ setzt sich vorrangig mit Belastungen auseinander, die die Landwirtschaft verursacht. Wasserentnahmen betrachtet das Kapitel „mengenmäßige Belastungen“. Da Belastungen eines Gewässers in mengenmäßiger Hinsicht aber nicht nur Wasserentnahmen bewirken, sondern auch die Wasserzuleitung (man denke zum Beispiel an die bisweilen auftretende hydraulische Überlastung durch Einleitung von Niederschlagswasser), erfasste die mecklenburg-vorpommersche Wasserwirtschaftsverwaltung über die Richtlinie hinausgehend auch solche Belastungen. In den Kapiteln „Fließgewässerabflussregulierung“ und „morphologische Fließgewässerveränderungen“ werden die Eingriffe des Menschen in Abflussverhalten, Gestalt und Verlauf der Fließgewässer dargestellt. Das Kapitel „sonstige Belastungen“ beschreibt Belastungen, die sich nicht unter die zuvor aufgeführten Kapitel subsumieren lassen, und das Kapitel „Bodennutzungsstrukturen“ zeigt auf, welchen Nutzungen die Landfläche Mecklenburg-Vorpommerns unterliegt.

 

Zum Schluss eine Anmerkung zum Wort „Belastungen“ selbst: Belastungen empfindet man allgemein als negativ. Auch die oben angeführte Begriffsbestimmung definiert Belastungen inhaltlich als Einwirkungen, die Gewässer nachteilig verändern, also als etwas Negatives. Angesichts des allgemeinen Zieles der Wasserrahmenrichtlinie, eines sogenannten guten Zustandes der Gewässer, mag es angebracht erscheinen, die im Folgenden dargestellten Einwirkungen des Menschen als negativ zu qualifizieren. Denn die Wasserrahmenrichtlinie definiert den guten Zustand als einen Zustand, der nur geringe anthropogene Abweichungen gegenüber dem natürlichen Zustand aufweist. Doch ist die negative Qualifizierung als Belastung nicht dahingehend zu missverstehen, dass die entsprechenden Einwirkungen des Menschen in den nächsten Jahren allesamt abgestellt werden müssten. Einerseits muss nicht jede signifikante Belastung von vornherein den guten Zustand unmöglich machen, wie das Kapitel „Bestandsaufnahme > Allgemeines“ ausführt, andererseits erlaubt die Wasserrahmenrichtlinie neben dem guten Zustand auch andere, begründete Zielfestlegungen. Die Frage, welche Belastung tatsächlich abgestellt werden und welche aufrechterhalten bleiben muss, ist nicht Gegenstand der Bestandsaufnahme, sondern wird im Zuge der Aufstellung der Bewirtschaftungspläne und der Maßnahmenprogramme bis 2009 zu erörtern sein.

 

Begriff der
Fließgewässer-
belastungen

 

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