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hydromorphologische Qualitätskomponenten

Das Kapitel „Auswirkungen auf Fließgewässer > Allgemeines“ legt dar, dass man als Auswirkungen im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie unter anderem die „Empfindlichkeit“, mit der der Zustand der Fließgewässer auf signifikante Belastungen reagiert, zu verstehen hat. Der Zustand eines Fließgewässers gliedert sich in den chemischen Zustand und in den ökologischen Zustand, der ökologische Zustand wiederum in sogenannte Qualitätskomponenten, die jeweils bestimmte Aspekte des ökologischen Zustandes erfassen. Die „Empfindlichkeit“, mit der der Zustand eines Fließgewässers auf Belastungen reagiert, kann man daher nur beurteilen, indem man die jeweiligen Auswirkungen auf die einzelnen Qualitätskomponenten und davon gesondert auf den chemischen Zustand des Fließgewässers betrachtet. Im Folgenden wird darauf eingegangen, wie die hydromophologischen Qualitätskomponenten auf die signifikanten Belastungen reagieren. Hinsichtlich der Reaktion der übrigen Qualitätskomponenten und des chemischen Zustandes sei auf die Ausführungen in den Kapiteln „biologische Qualitätskomponenten der Fließgewässer“, „physikalisch-chemische Qualitätskomponenten der Fließgewässer“ und „chemische Fließgewässerqualitätsnormen der EU“ verwiesen.

 

Die Richtlinie 2000/60/EG - die EU-Wasserrahmenrichtlinie - zählt in Anhang V Nummer 1.1.1 abschließend auf, was zu den hydromorphologischen Qualitätskomponenten der Fließgewässer gehört:

  • Abfluss und Abflussdynamik
  • Verbindung zu Grundwasserkörpern
  • Durchgängigkeit
  • Tiefen- und Breitenvariation
  • Struktur und Substrat des Fließgewässerbettes
  • Struktur der Uferzone.

 

In Deutschland beschreibt man die Hydromorphologie eines Fließgewässers mit dem bewährten Instrument der Fließgewässerstrukturgüte. Die Fließgewässerstrukturgüte umfasst alle der oben aufgeführten Qualitätskomponenten, ausgenommen die Verbindung zu Grundwasserkörpern. Auf den Aspekt des Grundwasserkontakts von Oberflächengewässern geht das Kapitel „Grundwasser > grundwasserabhängige Ökosysteme“ ein.

 

In Mecklenburg-Vorpommern ermittelt man die Fließgewässerstrukturgüte mit zwei Verfahren:

  • Kartierung und Bewertung der Strukturgüte von Fließgewässern in Mecklenburg-Vorpommern nach dem Vorortverfahren
  • Kartierung und Bewertung der Strukturgüte von Fließgewässern in Mecklenburg-Vorpommern nach dem Luftbildverfahren.

 

Der überwiegende Teil der WRRL-relevanten Fließgewässer wurde bis 2003 nach dem mecklenburg-vorpommerschen Vorortverfahren kartiert, bei dem Kartierer die Gewässerstruktur unmittelbar am Gewässer erheben. Man erfasst die Struktur nach einem siebenstufigen Indexsystem mit den sechs Hauptparametern Laufentwicklung, Längsprofil, Sohlstruktur, Querprofil, Uferstruktur und Gewässerumfeld. Die Hauptparameter werden zu einem gemeinsamen Index der Fließgewässerstruktur zusammengeführt. Den Hauptparametern zugeordnet sind 36 Einzelparameter, mit denen man unter anderem die Laufkrümmung, die Tiefenvarianz, das Sohlsubstrat, die Breitenvarianz, den Uferverbau und die Flächennutzung am Gewässer beschreibt.

 

Im Zuge der Bestandsaufnahme entwickelte die mecklenburg-vorpommersche Wasserwirtschaftsverwaltung ein zusätzliches Kartierverfahren. Das Verfahren lehnt sich an die Vorortkartierung an und erlaubt wie sie eine genaue Ansprache von Einzelparametern. Als Datengrundlage dienen Luftbilder, die auf rechnergesteuerten optoelektronischen Auswertegeräten, sogenannten Photogrammetriestationen, ausgewertet werden. Das mecklenburg-vorpommersche Luftbildverfahren beschreibt die Gewässerstruktur nach einem siebenstufigen Indexsystem mit den vier Hauptparametern Laufausbildung, Profilausbildung - unterteilt in die drei Zwischenparameter Profilentwicklung, Einzelstrukturausstattung und anthropogene Barrieren -, Uferausbildung und Gewässerumfeld. Die Hauptparameter werden zu einem gemeinsamen Index der Fließgewässerstruktur zusammengefasst. Den Hauptparametern sind 21 Einzelparameter zugeordnet, mit denen man unter anderem die Laufkrümmung, die Profiltiefe, die Breitenvarianz, die Uferlängsgliederung und die Nutzungen am Gewässer ermittelt. Das Luftbildverfahren lässt grundsätzlich dem Vorortverfahren vergleichbare Bewertungen der Gewässerstruktur zu. Mit dem Verfahren wurden in den Jahren 2003 und 2004 die mit dem Vorortverfahren nicht erfassten offenen WRRL-relevanten Fließgewässer Mecklenburg-Vorpommerns kartiert. Dank der beiden Verfahren liegt eine Strukturgütebewertung in Mecklenburg-Vorpommern somit für alle Fließgewässer mit Einzugsgebieten von mindestens 10 km² flächendeckend vor.

 

Die Fließgewässerstrukturgüte ist - gemessen an den Begriffen der Richtlinie 2000/60/EG - ein Zwitter: sie erfasst die Belastungen, die der Mensch auf die Hydromorphologie ausübt, und beschreibt, indem sie die Belastungen bewertet, zugleich die hydromorphologischen Auswirkungen. Hinsichtlich der Verfahren der Fließgewässerstrukturbewertung kann daher auf die umfassenden Ausführungen des die Belastungen beschreibenden Kapitels „morphologische Fließgewässerveränderungen“ verwiesen werden. An dieser Stelle seien die Ergebnisse der Strukturkartierung als Auswirkungen, also als Zeigerausschlag auf der Skala der Fließgewässerstrukturgüte dargestellt.

 

Die Fließgewässerstrukturgüte bemisst sich nach einem Index aus sieben Güteklassen. Dabei bezeichnet die Indexziffer 1 - die Güteklasse I - einen natürlichen bis naturnahen hydromorphologischen Zustand, die Indexziffer 7 - die Güteklasse VII - einen Zustand größter Naturferne. Üblicherweise bildet man die Fließgewässerstrukturgüte als Güteband entlang den Gewässerverläufen ab. Dabei verwendet man die in der folgenden Tabelle angeführten Farben.

 

Güteklasse Grad der Beeinträchtigung Farbe
I unverändert dunkelblau
II gering verändert hellblau
III mäßig verändert dunkelgrün
IV deutlich verändert hellgrün
V stark verändert gelb
VI sehr stark verändert orange
VII vollständig verändert rot

 

Von den 7.730 km WRRL-relevanten Fließgewässern liegt eine Fließgewässerstrukturgütekartierung für 6.880 km vor. 790 km konnten nicht kartiert werden, weil es sich um verrohrte Gewässer handelt. Die Verrohrung versetzt ein Fließgewässer in einen denkbar naturfernen morphologischen Zustand; daher sind die verrohrten Gewässer in der folgenden Karte grundsätzlich mit der Güteklasse VII ausgewiesen, sofern die Länge der Verrohrung fünfzig Meter überschreitet. Etwa 60 km der WRRL-relevanten Fließgewässer ließen sich dagegen mit keiner konkreten Bewertung versehen. Es sind dies vor allem Quelläufe kleinerer Fließgewässer in sumpfigen Niederungen, die bei der Kartierung vor Ort nicht betreten werden konnten, oder einzelne Streckenabschnitte, die wegen dichten Gehölzbewuchses am Ufer bei der Luftbildkartierung nicht einsehbar waren. Gerade die Unbetretbarkeit und Nichteinsehbarkeit dürften aber darauf hindeuten, dass sich diese Gewässerabschnitte in einem vergleichsweise naturnahen morphologischen Zustand befinden.

 

Strukturgüte der WRRL-relevanten Fließgewässer Mecklenburg-Vorpommerns

 
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(pdf, 1,13 MB)

 

Bezogen auf die Länge der 6.880 km kartierten und 790 km verrohrten Fließgewässer verteilen sich die Güteklassen prozentual wie folgt:

 

 

56,4 % des WRRL-relevanten Fließgewässernetzes sind demnach stark bis vollständig hydromorphologisch verändert, lediglich 12,9 % sind unverändert oder gering verändert. Damit zeichnet die Fließgewässerstrukturgüte das Bild einer grundlegend anthropogen überformten Gewässerlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Auffälligerweise zeigen gerade größere Fließgewässer oft jedoch eine recht gute Fließgewässerstrukturgüte - so erreicht die Peene als größter mecklenburg-vorpommerscher Fluss vom Kummerower See bis zur Mündung in den Peenestrom vornehmlich die Strukturgüteklasse I. Dies ist im Vergleich mit anderen Bundesländern durchaus ungewöhnlich, und kann bei deutschlandweiten Darstellungen, in denen man meist nur auf größere Fließgewässer eingeht, zu Fehlschlüssen über die tatsächliche morphologische Beschaffenheit des überwiegenden Teiles der Fließgewässer Mecklenburg-Vorpommerns führen. Starke Beeinträchtigungen hingegen finden sich hauptsächlich in kleinen Fließgewässern. Dass gerade größere Fließgewässer weniger beeinträchtigt sind, liegt in der Entwicklungsgeschichte der mecklenburg-vorpommerschen Landschaft begründet: Die größeren Fließgewässer suchten sich ihren Lauf in eiszeitlichen Urstromtälern, die vermoorten und für den Menschen lange Jahrhunderte nicht nutzbar waren. Teilweise erst in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, begann man, diese Talniederungen zu entwässern. Die kleineren Gewässer ließen sich dagegen leichter nutzbar machen. Zudem ist zu bedenken, dass ein guter Teil der kleineren Fließgewässer erst vom Menschen geschaffen wurde, zum Beispiel zur Entwässerung abflussloser Senken, die die Eiszeit hinterließ, - sogenannter Binnenentwässerungsgebiete -, um landwirtschaftliche Flächen zu gewinnen. Diese Gewässer wurden nach technischen Grundsätzen angelegt und folgen vom Ursprungszweck her nicht dem Leitbild eines naturnahen Gewässers.

 

 

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